Bewegungssicherheit bei Kindern früh fördern: So klappt's

Kinder wachsen heute häufig in einer bewegungsarmen Umwelt auf: Immer mehr junge Eltern ziehen in dicht besiedelte Städte. Zudem ermöglichen Spielekonsole, Computer und Tablet Unterhaltung für das Kind – auch ohne Bewegung. Die Folgen sind häufig Koordinationsschwierigkeiten schon im Vorschulalter. Das manifestiert sich selbst bei relativ einfachen motorischen Übungen wie dem einbeinigen Stand oder Balance-Spielen. Doch gerade im Alter von drei bis sechs Jahren können die Fähigkeiten des Kindes im Bereich Bewegungssicherheit durch koordinative Übungen gezielt gefördert werden.

Was genau bedeutet Bewegungssicherheit bei einem Kind?

Bewegungssicherheit gilt als ein Teilbereich der Motorik. Kinder mit einer hohen Bewegungssicherheit können gewohnte wie ungewohnte Bewegungsabläufe gezielt ausführen – sei es balancieren auf einem Baumstamm, Seilspringen oder Ballspielen. Auch Fahrradfahren erfordert koordinatives Geschick und eine hohe Bewegungssicherheit. Grundlage hierfür sind vor allem koordinative Fähigkeiten, die beim Spiel in Bewegung erworben werden. Hinzu kommt eine angemessene Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn.

Hüpfen, fangen, klettern sind daher nicht nur Ausdruck von Spaß und Freude des Kindes. Sie bilden auch einen wichtigen Beitrag zur körperlichen und geistigen Entwicklung. Kindern, deren motorische Fähigkeiten im Kindergartenalter bzw. im Vorschulalter nicht ausreichend entwickelt sind, fehlt ein wichtiger Entwicklungsschritt, um später Freude an Sportarten zu entwickeln.

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Tanzen macht nicht nur Spaß, sondern fördert die Kinder auch in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung © Dmitry Lobanov - Shutterstock

Koordinative Fähigkeiten sind auch für die Verkehrserziehung und die Teilnahme am Straßenverkehr essenziell. Nur wenn die Kinder schon früh ein eigenes Körpergefühl entwickeln, haben sie die Grundlage, um sich bei der Verkehrserziehung später vollkommen auf die Regeln konzentrieren zu können. Sind die Kinder zu sehr mit Koordination und Motorik beschäftigt, sinkt die Aufmerksamkeit. Gerade bei der Teilnahme im Straßenverkehr birgt das große Risiken.

Warum sollte man die Bewegungssicherheit beim Kind im Vorschulalter fördern?

Wie Diplompsychologe Dr. Heinz Krombholz belegt hat, ergibt eine gezielte Förderung der Bewegungssicherheit von Kindern erst ab dem 2. Lebensjahr Sinn. Zuvor sollte, so Krombholz, vor allem der Fokus darauf gelenkt werden, dass die Entwicklung koordinativer und motorischer Fähigkeiten eng im Zusammenhang mit der geistigen Entwicklung des Kleinkinds steht.

Im Kindergartenalter bzw. im Vorschulalter von fünf bis sechs Jahren sollte die Förderung der Bewegungssicherheit durch spielerische Übungen jedoch einen hohen Stellenwert einnehmen. Denn für das Kind bedeuten Bewegungsspiele nicht nur Spaß, sondern auch erhebliche Vorteile im körperlichen und geistigen Bildungsbereich sowie den Entwicklungszielen.

Diese gehen über den Bereich der Bewegungssicherheit hinaus:

  • Ein gesteigertes Selbstvertrauen durch das Erleben und Einordnen von Erfolg und Misserfolg im Spiel
  • Vielfältige Erfahrung unterschiedlicher Bewegungsabläufe, die das Erlernen neuer Bewegungsabläufe erleichtern
  • Die Entwicklung sozialer Kompetenz im Umgang mit anderen Kindern beim gemeinsamen Spiel
  • Die verbesserte Fähigkeit, Risiken einzuschätzen, wodurch Kinder mit hoher Bewegungssicherheit seltener von Unfällen oder Verletzungen betroffen sind

Gerade der letzte Punkt hat bereits in der Verkehrssicherheit Anwendung gefunden: Immer häufiger werden gezielt Spiele und Übungen zur Förderung motorischer Fertigkeiten von Kindern im Vorschulalter entwickelt. Und auch Eltern sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche Bedeutung das Klettern an Bäumen, Sackhüpfen oder Krabbeln durch selbst gebaute Tunnel für die Kinder hat.

Bewegungsförderung: Körperkoordination, Reaktionsvermögen und mehr

Die Förderung der Bewegungssicherheit lässt sich in verschiedene Kategorien einteilen. Von zentraler Relevanz ist es dabei, dass Erzieherinnen und Erzieher jederzeit den Spaß des Kindes in den Mittelpunkt stellen. Und nicht etwa einen leistungsorientierten Trainingsgedanken. Dieser wirkt zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr eher kontraproduktiv. Spielerische Erfahrungen rund ums Thema Bewegungssicherheit lassen sich im Alltag in der Kita oder im Kindergarten gut umsetzen. Bei der Bewegungsförderung sind vier Elemente essenziell: Die Entwicklung von Körpergefühl durch die Erfahrung groß- und kleinräumiger Bewegungsabläufe sowie das Fördern bewusster Sinneserfahrungen.

1. Großräumige Bewegungserfahrungen möglich machen

Hiermit ist gemeint, dass das Kind die Fähigkeit lernt, Bewegung sowie seine Umwelt im größeren Rahmen einzuschätzen. Ganz klassische Spiele wie „Fangen“, „Versteinern“, „Feuer, Wasser, Erde, Luft“ oder „Verstecken mit Freischlagen“ tragen zur Entwicklung solcher Erfahrungen bei. Neben der Wahrnehmung von Gegenständen in der Umwelt (zum Beispiel ein Hügel, hinter dem man sich verstecken kann), wird das schnelle Zusammenspiel der Muskeln (zum Beispiel wegrennen beim Fangspiel) spielerisch geschult. Selbstredend fördern großräumige Bewegungserfahrungen im Rahmen von Bewegungsangeboten auch das Reaktionsvermögen und die gesamte Körperkoordination.

2. Kleinräumige Bewegungsabläufe kennenlernen

Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Seilspringen. Dabei müssen Hand, Auge und Beine möglichst exakt koordiniert sein, um das Seil zum Schwingen zu bringen. Das Kind lernt hierbei, die Balance aus Grobmotorik und Feinmotorik zu finden. Die feinmotorische Hand-Koordination von Kindern ist dabei ebenso wichtig wie ein Sinn für das richtige Timing und das perfekte Zusammenspiel von Armen und Beinen.

Seilspringen dient der Fein- und Grobmotorik
Beim Seil springen lernen Kinder die Balance aus Grob- und Feinmotorik zu finden © Iakov Filimonov - Shutterstock

Eine Aktivität, die die Bewegungssicherheit ebenfalls fördert, ist das Wäscheklammern Spiel: Jedem Kind werden hinten am Hosenbund fünf Wäscheklammern befestigt. Aufgabe ist es, den anderen möglichst viele Wäscheklammern zu nehmen, ohne selbst die eigenen Klammern abgenommen zu bekommen. Dieses Spiel zeigt, wie Eltern auch mit einfachen Mitteln, egal ob zu Hause im Garten oder auf dem Spielplatz, ihren Kindern Freude an Bewegung vermitteln können.

Körperbewusstsein und Körpergefühl schulen

Ein eigenes Körpergefühl entwickelt das Kind besonders gut bei Spielen, die es die Grenzen seiner Kraft und seines Gleichgewichts austesten lässt. Neben dem Balancieren auf unterschiedlichsten Gegenständen ist auch das Tauziehen eine gute Option, um die Kinder an mehr Körperbewusstsein heranzuführen.

Ein Spiel, das die Kinder kognitiv stärker beansprucht und auch abseits des Spielplatzes möglich ist, ist der Stopptanz. Dabei tanzen die Kinder frei zu einer beliebigen Musik, bis die Musik abrupt stoppt. Die Kinder müssen dann so schnell wie möglich „einfrieren“. Wer sich als letztes noch bewegt, hat verloren. Dadurch lernen Kinder früh, ihren Körper wahrzunehmen und ihre Bewegungen zu kontrollieren. Dieses Spiel können Erzieherinnen und Erzieher immer wieder zwischen verschiedenen Aktivitäten einbauen. Es wird stets für Spaß und Freude sorgen!

Bewusste Sinneserfahrungen fördern

Übungen zur Grobmotorik und zur Feinmotorik tragen zu einer hohen Bewegungssicherheit bei. Gleichzeitig ist es sinnvoll, dass Erzieherinnen, Erzieher und pädagogische Fachkräfte darauf achten, dass die Kinder auch bewusste Erfahrungen mit ihren Sinnen machen.

Dies lässt sich unabhängig vom Alter, egal ob Schüler oder Kleinkind, am besten nah an der Natur erleben. Konkrete Beispiele sind der Besuch eines Duftgartens, Barfußpfade, Kneipp-Bäder oder das Verlegen des Spielortes vom Wohnzimmer in den nächsten Wald. Beim Hüpfen und Rennen zwischen Baumwurzeln oder dem Vergraben der Beine im Sand am Meer werden Bewegungsabläufe vom Kind noch deutlicher wahrgenommen.

Bewegungssicherheit: Zusammenhang körperlicher, geistiger und sozialer Entwicklung

Schon ab 15 Minuten Bewegung am Tag lernen Schulkinder effektiver als ohne Bewegung. Wie Jean Piaget, der als Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie gilt, erforschte, ist Lernen ein aktiver Prozess. Bei diesem erfährt und versteht das Kind seine Umwelt durch gesteuerte Bewegung (Motorik). Die Entwicklungsschritte in der körperlichen Entwicklung gehen also mit denen der geistigen Entwicklung einher.

Lernen mit allen Sinnen

Was auf den ersten Blick verwunderlich scheint, ergibt auf den zweiten Blick Sinn: Kinder nehmen beim Rechnen von Aufgaben ihre Finger zu Hilfe. Beim Malen bilden Sie Gegenstände aus ihrer unmittelbaren Umgebung ab (Haus, Baum, Garten). Je häufiger und genauer die Wahrnehmung dieser Gegenstände bzw. des eigenen Körpers ist, desto genauer und schneller läuft auch die kognitive Verarbeitung ab.

Dazu weisen Kinder, deren Koordination und Bewegungssicherheit gut entwickelt sind, häufig eine erhöhte soziale Kompetenz und Verständigungsfähigkeit auf. Gerade beim Spiel mit anderen Kindern erlebt das Kind die eigene Kraft. Und die Grenzen innerhalb derer sie eingesetzt werden darf, ohne anderen Kindern zu schaden. Dazu vergleicht das Kind eigene motorische Fertigkeiten, seinen Gleichgewichtssinn oder die eigene Ausdauer mit anderen Kindern und baut dadurch gesundes Selbstvertrauen auf.

Kinder mit gut ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten zeigen also nicht selten eine positive körperliche Entwicklung. Ein gutes Körpergefühl und -bewusstsein sowie eine hohe Bewegungssicherheit wirken sich zudem auch auf die soziale Kompetenz und die Verständigungsfähigkeit der Kinder aus. Durch Bewegungsspiele lernen die Kinder, auf andere Rücksicht zu nehmen. Zugleich sind die Kindergartenkinder auf spätere Aufgaben des analytischen Denkens besser vorbereitet. Es bleibt an dieser Stelle jedoch die Aussage von Krombholz zu betonen, dass die Bewegung des Kindes und die Förderung seiner körperlichen Entwicklung bereits einen Wert an sich darstellt, der auch ohne diese Zusatzeffekte erstrebenswert ist.

Aufmerksamkeit fördern – Bewegungssicherheit schulen

Ein klassisches Spiel, das im Kindergartenalter gezielt die Aufmerksamkeit von Kindern fördert, ist die „Reise nach Jerusalem“. Dabei laufen, hüpfen oder tanzen die Kinder je nach Aufgabe um einen Stuhlkreis mit den Sitzflächen nach außen herum. Wenn die Musik stoppt, sind Koordinationsfähigkeit und Schnelligkeit gefragt: Alle setzen sich schnell auf einen freien Platz. Das letzte Kind scheidet aus und ein Stuhl wird aus dem Spiel genommen. Durch die ständige Aufmerksamkeit werden gleichzeitig Bewegungsabläufe und geistige Schnelligkeit geschult.

Ein weiteres Spiel, das das Zusammenspiel aus Koordinations- und Teamfähigkeit fördert, ist die „Flussüberquerung“. Aufgabe hierbei ist es, dass zwei Kinder mithilfe von zwei Kissen von A nach B gelangen, ohne dass ein Körperteil den Boden berührt. Dafür ist vor allem auch Rücksichtnahme gefragt, um den anderen nicht vom Kissen zu stoßen. Dazu stellen die instabilen Kissen eine Herausforderung für das Gleichgewicht dar. Vor allem weil die Augen schon auf das andere Kissen oder das Ziel gerichtet sind. Auch wenn Gleichgewichts- und Bewegungsspiele den Kindern viel Freude bereiten können, empfindet nicht jedes Kind gleich viel Spaß an körperlicher Aktivität.

Der Umgang mit Kindern, die sich nicht bewegen möchten

Ein Kind möchte sich nicht bewegen – was tun? Sowohl für Eltern als auch für Erzieher ist in dieser Hinsicht erst einmal Geduld und Ruhe ratsam. Ein Kind, das im Kindergartenalter nicht an Bewegungsspielen teilnehmen möchte, darf das gerne so entscheiden. Auch ohne, dass sich Umstehende Sorgen machen müssen. Generell gilt es, die Persönlichkeit des Kindes, seine Gewohnheiten und seine Emotionalität wahrzunehmen und ganzheitlich einzuordnen.

Dabei haben Erzieherinnen und Erzieher aber die Aufgabe, die Ursache für das Verhalten zu ergründen:

  • Das Kind erfährt die Welt natürlicherweise auf eine bewegungsarme Art und Weise

Hierbei sollte sich nicht sofort um die Entwicklung des Kindes gesorgt werden. Ist beobachtbar, dass das Kind seine Umwelt trotzdem neugierig aufnimmt (zum Beispiel durch Türme bauen, Puzzle lösen, Bilder malen) und dabei mit anderen Kindern interagiert, ist ein vorschneller Eingriff nicht nötig. Diese individuellen Unterschiede variieren von Persönlichkeit zu Persönlichkeit und gehören zur individuellen Entwicklung eines Kindes.

  • Das Kind weist eine ärztlich bestätigte Störung der Motorik oder Behinderung auf
Mit Bausteinen die Bewegungssicherheit im Bereich der Hände fördern
Nicht immer ist es sofort ein Defizit bei einem Kind. Manchmal brauchen Kinder eine Auszeit für sich © Inara Prusakova - Shutterstock

Das Kind sollte in diesem Fall definitiv nicht zur Teilnahme an Spielen mit anderen Kindern gedrängt werden, da das Kind dies nicht als Anregung, sondern als verstärkte Ablehnung versteht. Generell sollte auf die Hilfe eines Experten zurückgegriffen werden, um eine Behandlung zu vermeiden, die mehr schadet als hilft.

  • Das Kind hat noch keine Erfahrung mit Bewegungsabläufen

Hier sind vor allem Erzieherinnen und Erzieher in der Verantwortung, das Kind zum Balancieren, Klettern und Toben mit anderen Kindern zu ermutigen. Häufig kommen Kinder mit diesem Verhalten aus einem „überbehüteten“ Elternhaus und wurden bisher von jeglichen Risiken abgeschirmt. Durch Übungen und gezielte Förderungen, kann dieser anfänglichen Zurückhaltung aber relativ schnell und effektiv entgegengewirkt werden.

Redaktion Prokita-Portal


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