Selbstwertgefühl und Identität: Kinder in ihrer Persönlichkeit stärken

Kinder sind ehrlich und fragen stets nach, wenn ihnen etwas nicht klar ist. Das führt manchmal zu peinlichen Situationen. Erst schrittweise entwickelt das Kind ein Verständnis dafür, was „normal“ ist und was in der Öffentlichkeit von ihm erwartet wird. Mit dieser Entwicklung stellen sich dem Kind nach und nach auch Fragen zu seinem Selbst. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was macht mich aus? Kindliche Identität und das Selbstwertgefühl entstehen vor allem im Kontakt mit anderen. Bei der Entwicklung dieser sozialen und emotionalen Kompetenz nimmt die Kita als feste Institution außerhalb des Elternhauses eine wichtige Rolle ein.

Das Selbst: Kinder entdecken ihre Identität

Kinder entwickeln schon früh ein Bewusstsein für ihr Selbst und ein gewisses Selbstgefühl. Bereits Zweijährige zeigen in bestimmten Situationen, dass sie sich schämen oder Schuld empfinden. Für beide Empfindungen müssen sie sich darüber bewusst sein, dass sie von anderen bewertet werden. Das deutet daraufhin, dass sie wissen, wer sie und wer die anderen sind.

Das Bewusstsein für das eigene Selbst und ein Selbstgefühl entwickelen sich Stück für Stück. Zunächst erkennen die Kinder, dass sie mit ihren Handlungen etwas bewirken. Wenn sie schreien, kommt die Mutter. Wenn sie mit ihrer Hand danach greifen, bewegt sich das Mobile über ihrem Bett. Später fangen die Mädchen und Jungen an, zu laufen und ihre Aufmerksamkeit gezielt auf interessante Dinge zu richten.

Am Ende wissen sie genau über ihr Selbst Bescheid, sodass sie sich darüber konkrete Gedanken machen können:

  • Welche Auswirkungen haben meine Worte?
  • Wie wirke ich auf Fremde?
  • Wie nehmen mich die anderen Kinder wahr?

Diese Fragen tragen dazu bei, dass Kinder über sich und ihre Persönlichkeit nachdenken. Oft zeigt sich schon in der Kita, ob die Mädchen und Jungen eher dazu neigen, sich selbst zu unter- oder zu überschätzen. Während die einen selbstbewusst handeln und an sich glauben, beginnen andere an sich zu zweifeln. Diese Gefühle entstehen vor allem in Kontakt mit anderen Kindern.

In der Kita sind die Mädchen und Jungen noch in einem Alter, in dem ihnen viele Gedanken und Handlungen nicht bewusst auffallen. Erzieherinnen und Erzieher können mit den Kindern über das Selbst sprechen und ihnen verschiedene Facetten erklären. Generell sollten Erwachsene das Ziel verfolgen, die Kinder in ihrer Persönlichkeit zu stärken. So kommen sie nicht nur jeden Tag gerne in die Einrichtung. Sie bestreiten dann zum Beispiel auch den Schuleintritt sicher und fühlen sich dabei wohl in ihrer Haut.

Selbstbild, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl – was steckt dahinter?

Das Selbstkonzept eines Menschen beinhaltet alle Eigenschaften, die ihn definieren. Es enthält alle Informationen, die über einen selbst abgerufen werden können. Dazu zählen zum Beispiel das Alter oder auch die Körpergröße. Natürlich können kleine Kinder sich diese Daten nicht sofort merken. Für sie sind diese Informationen zunächst wenig relevant. Trotzdem wissen sie über sich selbst Bescheid und können sich beschreiben.

Das Selbstbild einer Person umfasst dagegen auch Gefühle und Bedürfnisse. Auch Erfahrungen tragen zu dem Bild bei, das man von seinem Selbst hat. Was habe ich bereits erlebt? Wie haben mich meine Erfahrungen geprägt und wie definieren sie mich? Der Begriff erscheint zunächst abstrakt, beschreibt das Selbst jedoch sehr umfassend und in all seinen Facetten. Da Kinder häufig noch Schwierigkeiten dabei haben, ihre Gefühle näher zu beschreiben oder sie zu benennen, können sie auch ihr Selbstbild schwer in Worte fassen.

Kinder können nicht direkt über ihre Selbstwertgefühle und Identität reden.
Kinder können manchmal ihr Selbstwertgefühl nicht richtig ausdrücken und umschreiben dies dann © Srijaroen - Shutterstock

Trotzdem besitzen die Mädchen und Jungen bereits ein Selbstbewusstsein, also ein Bewusstsein für ihre Person. Sie wissen, dass sie sich von anderen Menschen unterscheiden, und entwickeln auch eine Einstellung zu sich selbst. Diese Bewertung beziehungsweise die Haltung gegenüber der eigenen Person prägt das Selbstwertgefühl der Mädchen und Jungen. In ihrem Auftreten und in den Beziehungen zu anderen Menschen zeigt sich, wie sie zu sich selbst stehen und was sie von ihrer eigenen Person halten.

Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es, diese Einstellung positiv zu prägen. Durch Vergleiche mit anderen Kindern und negative Erfahrungen kann das Selbstwertgefühl der Mädchen und Jungen sinken. Erzieherinnen und Erzieher können die Kinder in Gesprächen, aber auch durch Übungen auf ihre Stärken aufmerksam machen. Gleichzeitig sollten die Mädchen und Jungen auch lernen, einen geeigneten Bewertungsmaßstab für sich zu finden. Vergleiche mit anderen führen nicht selten zur Abwertung der eigenen Person. Betreuer können die Kinder darin bestärken, ihr Selbst und all ihre Eigenschaften als vielversprechend und wünschenswert wahrzunehmen.

Selbstbewusstsein entwickeln und stärken

Der Selbstwert der Kinder wird durch den Einfluss der Eltern und weiterer Bezugspersonen geprägt. Die Interaktionen beeinflussen die Entwicklung ihres Selbstvertrauens. Auch Erzieherinnen und Erzieher gelten als Bezugsperson und tragen somit wesentlich zur Entwicklung ihrer Gruppe bei.

Die Steigerung des Selbstwertgefühls der Mädchen und Jungen stellt für Fachkräfte im Kindergarten eine Herausforderung dar. Jedes Kind hat seine individuellen Bedürfnisse, auf die die Betreuer eingehen müssen. Die Entwicklung eines gesunden Selbstwerts hängt somit auch von der Haltung der Erzieherinnen und Erzieher ab. Der Zusammenhang zwischen ihrer Einstellung und der entsprechenden Interaktion mit den Kindern kann positiv wirken. Fachkräfte können die Beziehung zu den Mädchen und Jungen so gestalten, dass diese ihre Kompetenzen steigern und an ihre Fähigkeiten glauben.

  • Anerkennung für Leistungen: Erhält ein Kind eine Aufgabe und erledigt diese, sollten Sie ihm dafür ihre Wertschätzung zeigen. Das Kind bekommt so eine positive Rückmeldung und fühlt sich bestärkt.
  • Fähigkeiten fördern: Entdecken Sie, dass die Mädchen und Jungen besondere Freude an einer bestimmten Aktivität (zum Beispiel am Malen oder Bauen) haben, können Sie diese Fähigkeiten unterstützen. Zeigen Sie ihnen Ihre Bewunderung und unter Umständen auch Tipps und Tricks, die die Kinder noch weiterbringen.
  • Gutes Verhalten loben: Legen die Mädchen und Jungen vorbildliches Verhalten an den Tag, können Sie ihnen dafür explizit ihre Anerkennung zeigen. Das Lob bestärkt die Kinder und trägt zu einem positiven Selbstbild bei.
  • Kompetenzen fordern: Herausforderungen können Wunder bewirken. Werden sie gemeistert, können die Kinder ihrem Selbstkonzept weitere Fähigkeiten zuordnen. Überforderungen sollten dagegen vermieden werden. Sie wirken als negative Rückmeldung eher schädlich für das Selbstbewusstsein der Kinder.

All dies lässt sich wie von alleine in den Kita-Alltag integrieren. Gehen Sie dabei jedoch sensibel vor. Die Kinder sollten das Gefühl bekommen, dass ihre Leistungen anerkannt werden. Gleichzeitig sollten sie nicht mit Lob überschüttet werden: Dann verliert die Anerkennung ihre Bedeutung.

Identität im Kindergarten: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?

Das Bild ihres Selbst entwickeln Kinder nach und nach. Im Verlauf ihres Lebens durchlaufen Menschen unterschiedliche Phasen, in denen sich auch ihr Selbstbild und ihr Selbstbewusstsein verändern. Gerade in der Adoleszenz kommen beispielsweise häufig Selbstzweifel auf. Unter anderem kommen diese bei Jugendlichen durch starke Veränderungen des Körpers zustande. Dabei verändern sich auch kognitive Prozesse und Funktionen im Gehirn.

Im Erwachsenenalter scheinen Menschen ihre Identität gefunden zu haben. Trotzdem kann es durch einige Persönlichkeitseigenschaften und Störungen zu starken Zweifeln und Identitätsängsten kommen. Demnach ist es nicht immer möglich, von einer klar abgeschlossenen Identitätsentwicklung zu sprechen.

Der Einfluss, den Erzieherinnen und Erzieher auf Kinder schon am Anfang ihres Lebens ausüben, prägt deren Entwicklung langfristig. Während Persönlichkeitsstörungen und Erkrankungen meist erst viel später erkannt werden, wird die Persönlichkeit der Mädchen und Jungen schon in jungen Jahren sichtbar. Sie können mit den Kindern auf eine Entdeckungsreise gehen. Finden Sie doch gemeinsam mit den Mädchen und Jungen heraus, was zu ihrer Identität gehört.

  • Was macht mich eigentlich aus?
  • Was kann ich gut?
  • Wieso mögen mich andere?
Selbstwertgefühl bei Kindern, Kind lernt über Identität und Selbstwertgefühl
Eine Entdeckungsreise über sich selbst kennen zu lernen ist für Kinder sehr wichtig © Von ViChizh

Sie sollten die Fragen für die Kinder möglichst einfach halten. Während sich Erwachsene tiefergehende Fragen stellen können, wissen Kinder mit diesen Gedanken wenig anzufangen. Die Mädchen und Jungen können jedoch meist sagen, was ihnen wichtig ist, was sie erreichen wollen und was sie gut können. Im Gespräch in der Gruppe lässt sich so die Bedeutung von Identität und den Eigenschaften eines Individuums näher beschreiben.

Identitätsentwicklung und die Bildung eines Selbst

Die Identität der Mädchen und Jungen setzt sich aus ihrer Persönlichkeit, aber auch aus ihren Erfahrungen und ihrem Umfeld zusammen. Aus diesem Grund spielen die Erlebnisse in der frühen Kindheit eine wichtige Rolle für die Adoleszenz. Während Persönlichkeitsstörungen zum Teil durch genetische Veranlagungen verursacht werden, beeinflussen auch Erfahrungen ihre Entstehungen. Erkrankungen von Jugendlichen müssen dementsprechend nicht mit Erlebnissen aus der Adoleszenz zusammenhängen. Sie können auch durch Geschehnisse aus der Kindheit verursacht werden.

Die Identitätsentwicklung bei Kindern ist komplex. Erzieherinnen und Erzieher können dazu beitragen, dass die Mädchen und Jungen sich selbst besser verstehen und lernen, ihr eigens Selbst zu beschreiben. Die Identität eines Kindes umfasst dabei verschiedene Aspekte.

Dazu gehören unter anderem:

  • Position unter Geschwistern
  • Sozio-ökonomischer Status der Eltern
  • Vorlieben
  • Verhältnis zu Mutter und Vater sowie weiteren Bezugspersonen

Gerade die Beziehung und die Rolle unter den Geschwistern kann die Entwicklung des Selbstvertrauens eines Kindes stark beeinflussen. Einem Einzelkind stehen beispielsweise andere Möglichkeiten offen als einem sogenannten „Sandwich-Kind“. Während das Einzelkind sich vor seinen Eltern nicht gegenüber anderen Geschwistern behaupten muss, steht das „Sandwich-Kind“ vor der Herausforderung, sich sowohl gegen ein jüngeres als auch gegen ein älteres Geschwisterkind durchsetzen zu müssen.

Auf der einen Seite ergeben sich so Persönlichkeitseigenschaften. Auf der anderen Seite erleben die Kinder die Situationen mehr oder weniger positiv – je nach individueller Persönlichkeit. Schüchterne Kinder gehen womöglich neben selbstbewussten Geschwistern eher unter. In anderen Fällen ist das Selbstvertrauen der Mädchen und Jungen dadurch besonders ausgeprägt.

In jedem Fall ist es wichtig, dass pädagogische Fachkräfte die Mädchen und Jungen in ihrem gesamten familiären und sozialen System betrachten.

  • Wie sieht das Zuhause der Mädchen und Jungen aus?
  • Hat das Kind Geschwister?
  • Wie steht es um die Beziehung zu seiner Familie und zu seinen Freunden?

Erzieherinnen und Erzieher erkennen so die Identität der Kinder und können den Mädchen und Jungen dabei helfen, sich selbst näher kennenzulernen.

Akzeptanz und Toleranz

Die pädagogischen Fachkräfte in der Kita können auf unterschiedliche Art und Weise für eine Förderung von Akzeptanz und eine Erhöhung des Selbstwertgefühls der Mädchen und Jungen sorgen.

Mit vermeintlich einfachen Dingen ist es möglich, den Mädchen und Jungen mehr Selbstvertrauen zu geben:

  • Danke sagen
  • Komplimente-Runde
  • Körperschema malen
  • Rollen- und Bewegungsspiele
  • Sinneswahrnehmungen

Die Möglichkeiten, eine Veränderung im Selbstvertrauen der Kinder zu erreichen sind vielfältig. Je nachdem, welche Eigenschaften die Kinder bereits mitbringen, sollten Sie jeweils passende Übungen auswählen. In Zusammenhang mit der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins können unter anderem Spiele hilfreich wirken.

Ein gutes Beispiel liefert die Komplimente-Runde. Jedes Kind darf sich einmal in den Mittelpunkt des Stuhlkreises stellen. Anschließend erklärt jedes Kind im Kreis, was es an dem Mädchen und Jungen im Zentrum gut findet und mag. Auf diese Weise erhält das Kind in der Mitte Rückmeldung über all seine Stärken. Das fördert das Selbstvertrauen und gibt dem Kind Kraft. Zudem fördert diese Übung die Beziehung und das Verhältnis unter den Kindern in der Gruppe.

Kinder spielen in der Kita, Komplimenten-Runde im Kindergarten, Kinder lernen über Selbstwertgefühl, Identität der Kinder stärken
Eine Komplimenten-Runde kann mit Kindern ganz unterschiedlich ausfallen © Sergey Novikov - Shutterstock

Für eine Körperschema-Übung können Sie den Mädchen und Jungen jeweils ein großes Blatt Papier austeilen. Die Kinder sollen anschließend ihren Körper möglichst realitätsnah auf das Papier zeichnen. Im Anschluss werden die Darstellungen in der Gruppe besprochen. Die Kinder schärfen so ihre Sinne und die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. Dieser gehört zu ihrem Selbst dazu.

Um den gemalten Körper herum können die Erzieherinnen und Erzieher außerdem Begriffe aufschreiben bzw. Dinge malen, die den Kindern zu ihrer Person einfallen. Das kann zum Beispiel die Zahl der Geschwister sein oder das Herkunftsland der Eltern. Vielleicht spricht das Kind zu Hause eine andere Sprache? Oder es hat ein besonderes Hobby? Den Kindern macht es Spaß, sich selbst so zu beschreiben und kreativ zu werden. Gerade bei schüchternen Kindern können auch Rollenspiele zu Förderung von Akzeptanz beitragen.

Individuelle Förderung: Wie Sie Kinder angemessen unterstützen

Da jedes Kind andere Bedürfnisse hat, führen auch jeweils unterschiedliche Übungen und Aufgaben zum Erfolg. Sie als Erzieherin und Erzieher tragen jedoch wesentlich zur Stärkung des Selbstwertgefühls und zur Förderung der Identitätsentwicklung bei. Indem Sie den Mädchen und Jungen aufmerksam zuhören und ihnen Rückmeldung über ihr Handeln geben, stärken Sie ihr Selbstbewusstsein.

Obwohl die Förderung des Selbstwertgefühls und der Umgang mit Störungen komplex sind, lassen sich bei den Kindern schnell große Fortschritte erzielen. Wichtig ist hierbei, stets das Umfeld der Mädchen und Jungen zu berücksichtigen. So können Sie die Kinder genau mit den Aufgaben und Übungen fördern, die sie brauchen. Durch Akzeptanz und Toleranz für die eigenen Stärken und Schwächen werden die Kinder zu selbstsicheren Menschen, die immer mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen.

Redaktion Prokita-Portal


© fizkes - Shutterstock