Fernsehen für Kinder: So wichtig ist die Medienerziehung in der Kita

Der Fernseher ist neben Bilderbüchern und Tablets die Nummer eins, wenn es um die Mediennutzung von Kindern geht. Vor allem im Elternhaus verbringen Kinder viel Zeit vor dem TV. Dabei sehen sie nicht immer nur Inhalte, die für ihr Alter angemessen sind. Erzieherinnen und Erzieher übernehmen im Rahmen der Medienerziehung die Aufgabe, diese Erlebnisse einzuordnen. Aufgrund der gesteigerten Mediennutzung gewinnt das Vermitteln verschiedener Medienkompetenzen in immer mehr Kindertageseinrichtungen an Relevanz. Was Kindergärten und Eltern im Bereichen Fernsehen Medienerziehung noch leisten können – in diesem Artikel!

Leitmedium Fernsehen: Medienkonsum der Kleinsten

Um die Mediennutzung von Kindern einzuschätzen, ist es sinnvoll, einen Blick auf die Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) zu werfen. Die Ergebnisse, welche das Institut für Medienforschung gefunden hat, zeigen ein klares Bild. Bereits Kleinkinder verbringen viel Zeit vor dem Fernseher.

Die miniKIM-Studie von 2014 beleuchtet die Mediennutzung der zwei- bis fünf-jährigen Kinder näher. Das Ergebnis: Schon in diesem jungen Alter sieht fast die Hälfte (44 %) so gut wie jeden Tag fern. Die durchschnittlich 34 Minuten, die Kinder in einem Alter von zwei bis drei Jahren vor dem TV verbringen, steigern sich in den folgenden Jahren auf 52 Minuten pro Tag. Die Nutzung eines Fernsehers ist ein fester Bestandteil im Alltag vieler Familien. Gleichzeitig nehmen die Medienangebote, die sich gezielt an Kinder richten, zunehmend zu. Deshalb ist es sinnvoll, auch im Rahmen das Medium Fernsehen Medienerziehung im Kindergarten zu thematisieren.

Problematisch wird es, wenn die Eltern oder eine andere Aufsichtsperson den Mediengebrauch nicht begleiten. In der genannten Studie gaben 10 % Prozent der befragten Kinder an, schon einmal Inhalte gesehen zu haben, die ihnen Angst machten oder ihnen unangenehm waren. Dies kann nächtliche Albträume oder sogar Angstattacken nach sich ziehen.

Kinder sollten nur Filme und Serien im Fernseher schauen, die altersgemäß sind
Auf die richtige und altersentsprechende Programmauswahl kommt es an © Syda Productions - Shutterstock

Im schlimmsten Fall resultiert das Sehen nicht altersangemessener Inhalte sogar in einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hier ist die Aufmerksamkeit der Erzieher in der Kindertageseinrichtung gefragt. Erkennen Sie Verhaltensauffälligkeiten bei einem Kind, sollten Sie dem auf den Grund gehen. Mitunter ist ein Gespräch mit den Eltern zu empfehlen. Haben auch diese Veränderungen bei ihrem Kind festgestellt, ist der Gang zu einem Kinder- und Jugendtherapeuten ratsam. Denn nur dieser kann langfristigen Folgen durch eine posttraumatische Belastungsstörung vorbeugen.

Realität oder Fiktion? – Das egozentrische Weltbild von Kindern

Die Hauptproblematik im Zusammenhang mit dem Fernsehkonsum von Kindern liegt darin, dass die Kinder häufig nicht unterscheiden können, was Film und was Wirklichkeit ist. In der Forschung ist diese Art der Weltanschauung als egozentrisch bekannt. Das bedeutet, dass die Kinder alle Geschehnisse auf sich beziehen – auch wenn sie diese nur im Fernsehen gesehen haben. In der Praxis heißt das: Kinder erleben sich aktiv als Teil der Medienwelt. Passiert hier etwas, dass ihnen Angst einflößt, zieht diese Medienerfahrung langfristige Folgen nach sich.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, mit der Medienerziehung anzusetzen. Im Kindergarten vermitteln Erzieherinnen und Erzieher der Gruppe, dass die Medieninhalte nur nachgespielt sind. Gemeinsam lässt sich besprechen, was ein Schauspieler ist und dass die Welt im TV nicht real ist. Da vor allem im Elternhaus ferngesehen wird, sollte die Medienpädagogik auch die Eltern miteinbeziehen.

Erzieher haben die Verantwortung, die Eltern über die Folgen des falschen Medienkonsums zu unterrichten. Betonen Sie vor allem auch, wie wichtig es ist, auf die Altersbeschränkung der Medieninhalte zu achten. Die Familien sind wichtige Vorbilder für einen verantwortungsvollen Medienumgang. Daher sollten sich die Erziehungsberechtigten ihrer ausschlaggebenden Rolle bewusst sein. Eine erfolgreiche Medienarbeit findet also nicht nur in der Kita statt, sondern muss auch in den Familien weitergeführt werden.

Anregung für die Praxis: Einen eigenen Fernseher gestalten

Um den Kindern die Möglichkeit zu bieten, die Medienerfahrung zu verarbeiten, eignet sich das Durchführen eines Bastelprojekts. Mithilfe eines großen Kartons und Bastelutensilien gestalten die Kinder in Kleingruppen einen eigenen TV. Der Karton lässt sich zum Fernsehrahmen umgestalten.

Fernsehen Medienerziehung - im Kindergarten einen Fernseher aus Tonkarton basteln und eine Serie nachspielen
Eine tolle Idee um Medienerfahrungen zusammmeln, indem man sich einen Fernseher aus Tonkarton bastelt © Sunny studio - Shutterstock

Hinter diesen können sich die Jungen und Mädchen anschließend stellen, um bestimmte TV-Szenen nachzuspielen oder ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Die kleinen Schauspieler verarbeiten auf dieser medienerzieherischen Art und Weise ihre Erfahrungen. Beim Spielen erleben sie die Fernsehinhalte aus einer anderen Perspektive. Dies hilft den Kindern bei der emotionalen Einordnung des Medienkonsums. So erhalten die Kinder die Medienkompetenz, das Gesehene zu reflektieren und einer fiktiven Welt zuzuordnen.

Werbung oder Serieninhalt – Die Differenzierung üben

Doch nicht nur das Differenzieren zwischen Fernsehinhalten und der realen Welt fällt den Kindern schwer. Auch das Konzept von Werbung begreifen Kindergartenkinder noch nicht. Die Werbespots auf Kindersendern bestechen durch ihre Kindorientierung – sie sind witzig, bunt und actionreich. Die Kinder fühlen sich von ihnen unterhalten und nehmen die Werbung als Teil des Fernsehprogramms wahr. Dass die Werbeclips nur aufgrund einer Verkaufsabsicht ausgestrahlt werden, verstehen die Kinder noch nicht.

Dies eröffnet ein weiteres Einsatzgebiet der Medienerziehung im Zusammenhang mit dem Fernsehen. Vor allem die Vorschulkinder sollten begreifen, was Sinn und Zweck von Werbung ist und wie sich diese erkennen lässt. Dazu bereiten Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel verschiedene Clips vor. Darunter sollten neben Ausschnitten aus Filmen und Cartoons auch Werbespots sein.

Leiten Sie ein Gespräch zum Zweck der Medienarbeit mit der Gruppe an. Fragen Sie die Jungen und Mädchen, welcher Ausschnitt ihnen am besten gefallen hat und warum. Haken Sie nach, ob die Kindergartengruppe erkannt hat, welcher Ausschnitt Werbung zeigt. Im Anschluss an das Gespräch präsentiert man die Werbespots erneut. Die Merkmale werden nun intensiver besprochen, damit die Kinder ihre Medienkompetenz steigern. Weisen Sie die Kinder zum Beispiel darauf hin, dass während der Werbung das Senderlogo nicht zu sehen ist. So erlernen die Kindergartenkinder wichtige Kompetenzen für den Medienumgang, die auch noch Jugendlichen bei der Einordnung von Medieninhalten helfen.

Medienhelden: Zwischen Vorbildern aus dem Fernsehen und Geschlechtsstereotypen

Schon die Kleinsten wissen ganz genau, welche Sendungen sie interessant finden und welche nicht. Der Klassiker „Unser Sandmännchen“ erfreut sich noch immer größter Beliebtheit. Aber auch „Die Sendung mit der Maus“ und „Wicki und die starken Männer“ zählen zu den TV-Lieblingen. Dabei suchen sich die Kinder immer sogenannte Medienhelden aus, mit denen sie sich ganz besonders identifizieren. Diese Helden sagen viel über die Interessen und Vorlieben der Jungen und Mädchen aus und sollten deshalb auch im Rahmen der Medienerziehung ein Thema sein.

Medienhelden basteln

Möchte man die Kinder dazu anregen, über ihre Idole aus dem Fernsehen zu sprechen, ist es sinnvoll, zu diesem Thema ein Bastelprojekt durchzuführen. Egal ob mit Stift und Papier oder aus anderen Materialien: Fordern Sie die Gruppe des Kindergartens dazu auf, über ihre Lieblingshelden nachzudenken. Was macht die Idole aus? Welche Charaktereigenschaften schätzen die Jungen und Mädchen besonders an ihnen?

Um die sprachliche Entwicklung zu fördern, bietet sich die Aufgabe an, zu jedem Helden einen typischen Ausspruch zu überlegen. Steigern Sie die kommunikativen Kompetenzen der Kinder,  indem Sie sie dazu auffordern, über ihre Werke bezüglich ihrer Medienerfahrung zu sprechen. So erreicht die Medienbildung in diesem Kontext nicht nur gesteigerte Kompetenzen im Umgang mit Fernsehinhalten, sondern auch eine Förderung der sprachlichen Entwicklung.

Fernsehen Medienerziehung: Geschlechterklischees im Fernsehprogramm

In diesem Zusammenhang zeigt sich aber oftmals eine Problematik: Die Medienvorbilder bedienen häufig Klischees und vermitteln veraltete Rollenbilder. Vor allem ältere Fernsehsendungen, welche die Sender noch immer ausstrahlen, verstärken Genderstereotype.

Weibliche Charaktere zeigen oft folgende Eigenschaften:

  • Hilflos
  • Abhängig
  • Jammernd
  • Liebevoll
  • Umsorgend
  • In häuslicher Umgebung anzutreffen

Während männliche Charaktere eher das folgende Bild vermitteln:

  • Unabhängig
  • Durchsetzungsfähig
  • Kompetent
  • Athletisch
  • Mutig
  • Aggressiv
  • Gewalttätig
  • Gefährlich
Fernsehen Medienerziehung, Kindern verschiedene Charaktere im Film erklären
Es gibt unterschiedliche Charaktere, die man im Fernsehen wieder findet – dabei werden männliche und weibliche Darsteller verschieden charakterisiert © SofikoS - Shutterstock

Heutzutage nimmt die starke Präsenz der Stereotype zunehmend ab. Nichtsdestotrotz bleiben die alten Fernsehsendungen oft weiterhin zugänglich. Daher ist es noch immer von Relevanz, ihre Auswirkung zu reflektieren. Gemeinsam sollte man im Kindergarten besprechen, worin sich Jungen und Mädchen unterscheiden.

Um den Stereotypen entgegenzuwirken, haben Fachkräfte im Kindergarten die Möglichkeit, aus einem breiten Methodenrepertoire zu wählen. Das Ziel ist es, den Kindern zu vermitteln, dass jeder individuelle Stärken hat, die ihn besonders machen. Diese sind unabhängig vom Geschlecht. Das ist eine wichtige Lektion, an die sich die Kinder auch noch im jugendlichen Alter erinnern werden. Lesen Sie der Gruppe beispielsweise eine Geschichte vor, in der sich eine Person nicht geschlechterkonform verhält.

Alternativ lässt sich auch ein Projekt-Tag gestalten, an welchen Sie Menschen einladen können, die die Berufe der Medienstars im wahren Leben ausführen. Achten Sie allerdings darauf, entweder zu jedem Beruf Vertreter beider Geschlechter einzuladen oder nur eine Person einzuladen, die der typischen Rolle widerspricht. So lernen die Kinder beim Spielen mit einer Feuerwehrfrau und einem männlichen Friseur, dass jeder die Person sein kann, die er sein möchte – unabhängig vom Geschlecht. Dieses Vorgehen kann helfen, die negativen Folgen des Medienkonsums einzuschränken. Diese Erziehung hat langfristig das Potenzial, den Kindern ein Aufwachsen ohne Stereotype zu ermöglichen. Somit geht das Sprechen über Idole aus dem Fernsehen über eine einfache Medienbildung hinaus.

Ein Fernsehapparat im Kindergarten: Sinnvoll oder überflüssig?

Zu guter Letzt bleibt die Frage, ob eine Kita selbst im Besitz eines Fernsehgeräts sein sollte, um die Medienkompetenz der Kinder zu steigern. Überlegungen diesbezüglich sollte jede Einrichtung individuell abwägen. Jedoch kommen alle oben genannten Ansätze der Medienpädagogik ohne einen direkten Umgang mit einem TV zurecht.

Vielmehr greifen sie die zu Hause gesammelten Erfahrungen auf und versuchen, den Kindern ein gesundes Verhältnis zur Medienwelt zu vermitteln. Daher ist es nicht nötig, dass ein Kindergarten zur Erziehung selbst im Besitz eines Fernsehers ist. In den Familien verbringen die Kinder genug Zeit vor dem Bildschirm, daher sollte die Zeit in der Fremdbetreuung sinnvoll genutzt werden, um auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Durch kreative Bastelideen und Gesprächsimpulse haben pädagogische Fachkräfte die Möglichkeit, Medienerziehung auch ohne technische Hilfsmittel zu betreiben.

Andere Medien eignen sich besser für die aktive Medienpädagogik an einem Gerät. So sind beispielsweise Tablets im Kindergarten und Computer zur Medienerziehung interaktiver als ein Fernseher und daher auch besser zum Lernen in der Kindertagesstätte geeignet. Mithilfe der verschiedenen Geräte sammeln die Kinder wichtige Medienerfahrung, die ihnen das Durchstarten in der Schule erleichtert. Nicht zuletzt deshalb ist der Medienumgang in Maßen bereits im Kindergarten sinnvoll.

Redaktion Prokita-Portal


© Syda Productions - Shutterstock