Bewegungsbaustelle in der Kita: Alles über die Bewegungslandschaft

Bewegungsmangel birgt für Kinder nicht nur gesundheitliche Schäden. Wer sich wenig bewegt, hat tendenziell auch mehr Probleme in der Schule. Das bestätigte auch eine Studie vom Deutschen Kinderhilfswerk e. V.: 40 Prozent der Schulkinder weisen durch mangelnde Bewegung eine beeinträchtigte Aufmerksamkeitsfähigkeit auf. Deshalb fördert die Kinderrechtsorganisation in Kooperation mit den Unfallkassen verschiedener Bundesländer ein Programm, das die Bewegung von Kindern schon im Kindergarten unterstützt: die Bewegungsbaustelle.

Bewegungsbaustelle in der Kita – was genau ist das?

Eine Bewegungsbaustelle ist eigentlich ein Baukasten für Kinder in Lebensgröße. Innerhalb einer Kindertagesstätte wird dafür vorerst ein Bewegungsraum benötigt, der genug Platz für Bauteile und die Kinder bietet.

Die Materialien für eine Bewegungsbaustelle sind ganz unterschiedlicher Natur:

  • Bretter
  • Matten
  • Bänke
  • Kisten
  • Rundhölzer
  • Balken

Auch Alltagsmaterialien können für die Bewegungsbaustelle genutzt werden. Den Möglichkeiten der Bauteile sind keine Grenzen gesetzt. Im Vergleich zu einer üblichen Baustelle gibt es auf einer Bewegungsbaustelle kaum Regeln. Die Kinder sollen Bewegung im freien Spiel erfahren und wenn möglich auch mehrere Sinne einsetzen können – Übungen mit Zwangscharakter sind hier fehl am Platz.

Raum für Bewegung: Die Kinder als Hauptfiguren

Die Hauptfiguren der Bewegungsbaustelle sind die Kinder selbst. Sie können und sollen sich aus den Brettern, Balken, Kisten und sonstigen Materialien ihre eigene Bewegungslandschaft bauen.

Den Ideen und der Fantasie der Kinder sind dabei keine Grenzen gesetzt: Sie können auf Kisten klettern, Seile als Lianen nutzen oder aus verschiedenen Bauteilen eine Rutsche bauen. Aus Rundhölzern und Brettern entsteht in kurzer Zeit eine Wippe. Mehrere aufgestellte Turnmatten, die von zwei Bänken in der Form gehalten werden, bilden einen Tunnel. So verwandeln sich die Räume der Einrichtung zu einer Bewegungslandschaft voller Möglichkeiten!

Spielpark als Bewegungsbaustelle aufbauen
Mit unterschiedlichen Materialien können Kinder ihren Phantasien freien Lauf lassen und sich einen schönen Spielpark bauen. © Robert Kneschke - Shutterstock

Es gibt einige Anbieter, die das komplette Baumaterial für eine kindgerechte Bewegungsbaustelle verkaufen. In vielen Kindertagesstätten ist das aber gar nicht nötig: Oft sind grundlegende Bauteile wie Kisten, Balken und Bretter bereits vorhanden. Darüber hinaus geht es beim Konzept der Bewegungsbaustelle nicht darum, aus den passenden Bauteilen ein perfektes Konstrukt zu bauen. Stattdessen sollen die Kinder mit dem, was sie vorfinden, ihre Gestaltungskraft ausleben und dabei ihre motorischen Fähigkeiten schulen.

Feste Institution Bewegungsbaustelle: Spiel trifft Bewegung

Findet die Bewegungsbaustelle in regelmäßigen Abständen statt oder gibt es sogar einen festen Bewegungsraum für die Bauteile, können Erzieher unterschiedliche Spielszenarien anbieten. So gelingt es, die Kinder immer wieder neu herauszufordern. Beim Thema „Dschungel“ werden die Kinder bestimmt ganz andere Konstrukte aus den Alltagsmaterialien zusammenstellen als beim Thema „Ritter und Burgen“.

Je mehr Bewegungsmöglichkeiten und Neukombinationen der Baumaterialien eine Bewegungsbaustelle bietet, desto besser. Dadurch entstehen nicht nur neue Möglichkeiten für bestimmte Konstrukte, sondern auch deutlich mehr Anregungen für unterschiedliche Spielszenarien. Bei einem sehr großen Angebot an unterschiedlichen „Baustoffen“ lassen sich die Materialien in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder austauschen. So gelingt es, die Kreativität der Kinder beständig neu anzuregen.

Bewegungsbaustellen: Vielseitige Förderung der Entwicklung von Kindern

Vorteile von Bewegungsbaustellen in der Kita
Infografik Bewegungsbaustelle fördern nicht nur die körperliche Entwicklung der Kinder, sondern auch ihre geistige Fähigkeiten © Prokita-Portal

Bewegungsbaustellen bringen mehr Vorteile mit sich als eine gewöhnliche Turnstunde, da nicht die Bewegung und motorische Entwicklung alleine im Fokus stehen. Eine Einheit in der Turnhalle besteht meistens aus Zuhören, Zusehen und so gut wie möglich Nachmachen. Bewegungsbaustellen haben einen anderen, kindzentrierten Schwerpunkt: Das eigenständige Lernen und Erfahren. Dadurch werden gleich mehrere Entwicklungsbereiche, die auch später in der Schulzeit sehr wichtig sind, intensiv gefördert.

Zu diesen Bereichen gehören:

Sozialer Umgang und Kommunikation: Durch eine Bewegungsbaustelle fördern

Um die eigenen Ideen einer Ideenlandschaft umzusetzen, brauchen die Kinder die Hilfe anderer. Viele Bauteile, zum Beispiel Balken oder Kisten, sind zu schwer, um alleine bewegt zu werden. Außerdem gibt es schließlich nur eine begrenzte Anzahl an Brettern oder Seilen. Die Kinder müssen sich also verständigen und einigen, welche Dinge sie nun wirklich bauen wollen und welche Materialien sie dafür benötigen.

Dadurch machen sie im Spiel weitreichende Erfahrungen: Sie müssen sich sozial unterordnen oder sich durchsetzen. Diese Erfahrungen sind essenziell für die soziale Entwicklung der Kinder und stellen eine der wichtigsten Funktionen von Kindertagesstätten dar. Im Zuge dieses Miteinanders lernen Kinder auch erstmals, sich mit Argumenten durchzusetzen. Bereits im Kindergarten legen sie so die Grundlage, mithilfe von Sprache für ihre Wünsche und Ideen einzustehen.

Formen, Funktionen und Physik: Naturwissenschaftliches Grundverständnis

In der Fantasie der Kinder gibt es keine Grenzen für die Formen und Funktionen der eigenen Gebilde. In der Realität lernen die Kinder die physikalischen Grenzen der Bauteile spielerisch kennen. Halten diese beiden Bretter wirklich nebeneinander, wenn man sie nicht durch eine Kiste abstützt?

Kinder können auf der Bewegungsbaustelle zahlreiche eigene Erfahrungen über Größen, Winkel, Gewichte und technische Wirkmechanismen sammeln. Genau das bildet auch den großen Unterschied im Vergleich zu einer fertigen Bewegungslandschaft. Auch dort entwickeln die Kinder ihre motorischen Fähigkeiten sehr gut und kommen insgesamt in Bewegung. Der aktive Umgang mit den Materialien und die eigene Erfahrung, ob die Bretter wirklich halten, wenn man darauf läuft, fehlen jedoch. Deshalb liegt ein Großteil des Mehrwerts einer Bewegungsbaustelle nicht nur darin, dass die Kinder auf Kisten klettern oder auf Balken balancieren können. Noch wichtiger ist, dass die Kinder diese Bewegungsmöglichkeiten durch ihre eigene Gestaltungskraft bauen.

Motorische Fähigkeiten in der Bewegungsbaustelle fördern
Motorische Fähigkeiten werden mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade gefördert. © Robert Kneschke - Shutterstock

Während die Kinder nämlich mit den Brettern oder Balken experimentieren, lernen sie auch, sich das Ganze vorzustellen. Sie bilden also sogenannte mentale Repräsentationen dieser Gegenstände. Das hilft ihnen, mathematische, technische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen. Auch wenn ein Kind die Sprossen auf einer Sprossenwand noch nicht aktiv zählt, bekommt es unterbewusst ein Gespür für Längen und Verhältnisse. Dieses Gefühl hilft später bei der Schulmathematik weiter.

Materialerfahrung sammeln: Gefühle für Werkstoffe entwickeln

Die Bauteile einer Bewegungslandschaft bestehen aus unterschiedlichsten Materialien. Hantieren die Kids damit, lernen sie die Eigenschaften dieser Baumaterialien kennen. Auf einem Stück Teppich kann man zum Beispiel die selbst gebaute Rutsche besonders schnell herunterrutschen. So bekommen die Kinder ein tieferes Verständnis der Materialien, die ihnen später im Leben noch häufiger begegnen werden.

In unserem akademisch ausgerichteten Bildungssystem wird die handwerkliche Bildung oft vernachlässigt. Kindern, die sehr gut in diesem Bereich sind, wird unter anderem durch die Bewegungsbaustelle die Möglichkeit gegeben, ihr Talent zu entfalten.

Kreativität frei entfalten: Wie das auf der Bewegungsbaustelle geht

Während in Schulen von den Erstklässlern in der Regel schon recht viel Disziplin gefordert wird, liegt im Kindergarten der Fokus auf der Entdeckung der eigenen Fähigkeiten und der Gestaltungskraft. Positive Erfahrungen auf der Bewegungsbaustelle in der Kita können Kinder ermutigen, auch später in der Schule ihre Ideen umzusetzen.

Sie entwickeln ein gesundes Selbstvertrauen in die eigene Kreativität. Im freien Spiel in der selbst gebauten Bewegungslandschaft erfinden die Kinder eigene Geschichten, die die Bretter und Balken der Bewegungsbaustelle zum Leben erwecken. Diese Freude am selbstständigen Gestalten ist eine Erfahrung, die später häufig auch im Kunstunterricht, in der Musik und bei Deutschaufsätzen mehr Selbstvertrauen gibt.

Bewegungssicherheit bei Kindern ausbauen: Bewegungsförderung auf hohem Niveau

Für die motorische Entwicklung von Kindern ist die selbstständige Erfahrung des eigenen Körpers enorm wichtig. Beim Hüpfen auf Brettern, Balancieren auf Balken und Klettern an Seilen probieren sie spielerisch die Grenzen ihrer körperlichen Fähigkeiten aus.

Eine Bewegungsbaustelle bietet unterschiedlichste Bewegungsmöglichkeiten und Bewegungserfahrungen. Daher werden Bewegungsbaustellen auch von verschiedenen Unfallkassen unterstützt. Sie mindern auf lange Sicht das Verletzungsrisiko der Kinder, weil sie in einem gesicherten Raum lernen, die Risiken in verschiedenen Situationen einzuschätzen.

Ganz davon abgesehen sind Bewegungsbaustellen auch für die zuständige Fachkraft einer Kindertagesstätte entlastend: Sie muss den Kindern die unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten gar nicht erst aufzeigen, da die Kisten, Balken und Bretter der Bewegungslandschaft in den Augen der Kinder bereits Anreiz genug zum Spielen und Ausprobieren sind.

Bewegungsbaustellen in der Kita – worauf achten?

Keine Frage: Eine Bewegungsbaustelle ist mit vielen Vorteilen verbunden. Das Beste: Die Kinder entwickeln spielerisch verschiedene Fähigkeiten und können sich dabei frei entfalten. Fast zu schön, um wahr zu sein. Dennoch gilt es, bei der Umsetzung der Bewegungslandschaft einige Dinge zu beachten.

Integration aller Kinder fördern

Bewegungsbaustellen sind ein ideales Bewegungsspiel, um die Integration aller Kinder und den Aufbau einer Kita-Gemeinschaft ganz spielerisch zu fördern. Auch Kinder, die sich sonst nur ungern bewegen oder noch Defizite in der motorischen Entwicklung aufweisen, beteiligen sich in der Regel sehr gerne an einer Bewegungsbaustelle. Hält sich ein Kind jedoch trotzdem einmal eher zurück, kann die Fachkraft Anreize für unterschiedliche Spielszenarien geben. Zum Beispiel, die Rundhölzer als Möglichkeit zu nutzen, um eine schwere Kiste zu transportieren oder Ähnliches.

Intergration durch gemeinsame Spiele fördern
Integration spielerisch fördern kann ganz leicht gestaltet werden. © Robert Kneschke - Shutterstock

Gezielt Risiken eindämmen

Innerhalb der Einrichtung muss natürlich auf die Sicherheit der Baumaterialien geachtet werden. Bauteile aus Holz sollten sorgfältig geschliffen und lackiert sein. Sprossenwände zum Klettern müssen regelmäßig auf ihre Belastbarkeit hin getestet werden. Außerdem zeichnet sich eine gute Bewegungsbaustelle durch einen möglichst weitläufigen Bewegungsraum und eine robuste Bauweise aus.

Kalkulierte Risiken der Kinder in der Bewegungsbaustelle zulassen

Auch wenn die Fachkraft in einem Kindergarten für die Sicherheit der Kinder verantwortlich ist, müssen nicht alle Risiken, die beim Spiel entstehen, sofort unterbunden werden. Ein Kind, das beim Balancieren einmal vom Balken fällt, lernt, wie man richtig fällt, ohne sich zu verletzen.

Beim Entdecken der eigenen körperlichen Fähigkeiten ist es wichtig, auch Risiken in Kauf zu nehmen. Kinder, die schon im Kindergarten spielerisch viele Bewegungserfahrungen gesammelt haben, tun sich später bei Fahrradprüfungen, Turnstunden oder anderen körperlichen Aufgaben in der Schule leichter.

Zu neuen Ideen in der Bewegungsbaustelle anregen

Nach einiger Zeit der Auseinandersetzung mit der Bewegungsbaustelle stellt sich bei den Kindern eine gewisse Gewohnheit ein. Damit die Kinder die Bauteile und Materialien immer wieder neue kombinieren können, ist es Aufgabe der pädagogischen Fachkraft im Kindergarten, die Kreativität der Kinder neu anzuregen. Dafür eignen sich unterschiedliche Spielideen (zum Beispiel Fangen in der Bewegungslandschaft mit ausgemachten „sicheren“ Plätzen) genauso wie ein regelmäßiger Wechsel der Materialien.

Beschäftigt man sich also einmal mit den Stärken der Bewegungsbaustelle, erklärt sich schnell von selbst, warum das Deutsche Kinderhilfswerk zusammen mit den Unfallkassen der Länder das Projekt Bewegungsbaustelle unterstützt. Die Vorteile sind ebenso vielfältig wie auch überzeugend. An modernen Bildungsangeboten im Kindergarten und Konzepten vom eigenständigen Lernen angelehnt, unterstützen solche Bewegungslandschaften die motorische Entwicklung von Kindern. Dies bringt langfristig nicht nur positive Effekte für die Bewegungssicherheit mit sich, sondern wirkt sich ebenso positiv auf die Aufmerksamkeit der Kinder aus.

Redaktion Prokita-Portal


© Robert Kneschke - Shutterstock